1796 Das Große Kugelspiel

Das Große Kugelspiel

Jeu de boules, il giuoco delle pallatole

Die Zusammensetzung dieses Spieles ist von der des Scheibenspieles gar nicht verschieden, aber sein Gewand ist auf eine sehr vorteilhafte Art verändert; denn statt der Scheiben werden hier Kugeln gebraucht. Über den Gang des Spieles habe ich hier nichts zu sagen, man beliebe nur das zu lesen, was beim Scheibenspiel gesagt ist; aber über das Material und die dadurch veranlaßten Veränderungen muß hier das Nötige nachgeholt werden.

Die Kugeln sind von hartem Holz, drei, vier Zoll und darüber im Durchmesser. Da die Personen nicht immer einzeln oder nur in zwei, sondern auch in drei, vier Parteien, jede zu zwei, drei, vier Personen geteilt, spielen, so sind zu einem recht vollständigen Spiel vier halbe oder ganze Dutzend Kugeln nötig, jedes von anderer Farbe, um die abgeworfenen Kugeln der verschiedenen Parteien schnell unterscheiden zu können. Allein auch schon mit acht bis zwölf nicht bemalten, sondern bloß bezifferten Kugeln können vier bis sechs Personen vollkommen unterhaltend spielen. Zum Ziel wird eine kleinere Kugel gebraucht, so wie beim Scheibenspiel eine kleinere Scheibe.

Beim Abwerfen der Kugeln nach diesem Ziel ist es nicht gleichgültig, ob sie vorwärts, rückwärts, oder gar nicht in Umschwung (Rotation) kommen. Legt man sie auf die Hand, so daß sie beim Abwerfen über die Fläche derselben und der Fingerspitzen hinausrollen, so rollen sie auch nach dem Niederfallen am Boden weiter; wirft man sie durch einen gewissen Handgriff, den jeder leicht findet, ohne alles Umrollen fort, so werden sie am Boden immer noch beträchtlich fortlaufen. Anfänger müssen folglich dieses Fortrollen berechnen oder vermeiden lernen. Jenes geschieht durch öftere Beobachtung, dieses dadurch, daß man beim Abwerfen die Kugel unter der Hand hat und sie folglich von oben faßt. Dann erhält sie eine Rotation, die ihrer Bewegung entgegenwirkt und ihr Fortrollen am Boden fast ganz verhindert. Es ergibt sich nun von selbst, daß die Kugeln in einem Bogen durch die Luft, nicht an der Erde weggeworfen werden müssen.

Den bequemsten Spielraum gewährt ein freier Sandplatz, hier rollen die Kugeln wenig oder gar nicht; den übungsvollsten eine ebene Wiese, denn hier muß das Rollen mit in Rechnung gebracht oder vermieden werden. Aber auch jeder beschränkte Platz ist brauchbar, wenn man wenigstens zwanzig Schritte frei hat.

Durch die Kugeln ist der Maßstab dieses Spieles viel größer als der des Scheibenspieles; die abzuwerfenden Körper sind schwerer, die Entfernung größer und dadurch wird der damit verbundene Spaziergang beträchtlicher; denn da von dem letzten Gewinner das Ziel bei jedem Gang von neuem, zehn, sechzehn bis zwanzig Schritte weit ausgeworfen wird, so spielt man sich unvermerkt einige hundert Schritte auf dem Platz herum. Das Abwerfen der Kugeln erfordert ein genaues Abwiegen der Kraft des Armes, gehörige Schätzung der Schwere gegen die Entfernung des Wurfes. Bliebe der Spielplatz immer derselbe, so würden seine Eigenheiten bald bekannt sein; aber er ändert sich bei jedem neuen Gang, immer erscheinen andere Vertiefungen, Erhöhungen und Abdachungen. Diese muß das Auge ausspähen, und sie werden ein Gegenstand der Beurteilung. Hierzu gesellt sich endlich noch das stete Abmessen der Kugelentfernungen.

Dies alles macht das Spiel kunstvoll, nützlich und interessant, so wie es durch Zufall, der die Kugeln bald so, bald so jagt, ungemein unterhaltend wird. Es verdient daher eine recht allgemeine Aufnahme bei jungen und erwachsenen Personen. Bei den Franzosen ist es unter dem obenstehenden Namen, sowie auch unter dem des La Bauch gewöhnlich. Bei den Italienern heißt es il giuoco delle pallatole und wird von vier bis sechs Personen gespielt, die sich in zwei Parteien teilen. Die Kugeln haben wohl sechs Zoll im Durchmesser und sind auf der einen Seite mit Blei ausgegossen, um sie steter zu machen. Die Points zählt man bis 21, und wenn die eine Partei noch nicht 11 hat, indem die andere schon 21 zählt, so hat sie das Spiel doppelt verloren.

Das schottische Curling ist im Grunde wohl dasselbe Spiel, nur in anderer Form. Man spielt es auf dem Eis mit 40 bis 60 Pfund schweren, halbkugelförmigen Steinen, die oben mit einem hölzernen oder eisernen Handgriffe versehen sind. Vermittels derselben schleudert man sie auf der Oberfläche des Eises nach einem Ziel fort. Jeder Spieler sucht den seinigen so nah als möglich daran zu bringen und diejenigen seiner Mitspieler davon wegzuprellen. Man sehe Pennants Reisen, Band 1, Seite 206. Es muß ein sehr gesundes Spiel sein.

 

  1. Johann Friedrich Christoph GutsMuths, geb. 09.08.1759 in Quedlinburg, gest. 21.05.1839 in Ibenhain, Deutscher Pädagoge und Mitbegründer des Turnens.